Vorträge 2010/2011 (Vorschau)


(in der Regel am 2. Donnerstag des Monats, Beginn 19 Uhr)

09. September 2010
Dr. Werner H. Schmack, Minden:
„Marc Chagall – Die glasmalerischen Werke“

Eine kleine Kapelle auf der Kalvarienberg nahe seines Wohnortes Vence an der Côte d’Azur war eine Art Schlüsselerlebnis im künstlerischen Leben Chagalls. Dort kam ihm 1950 die Idee zu einem „räumlichen Ganzen“ und zu Darstellungen der biblischen Botschaft im Andenken an seine Frau Bella. Er probierte neue Techniken aus, schuf Keramiken, Mosaike, Skulpturen. In dieser Zeit studierte er die Glasfenster der Kathedrale von Chartres und war ergriffen von ihrer „durchlichteten Farbigkeit“. Aus diesen Erlebnissen heraus schuf er 1956/57 die ersten Glasfenster in der Taufkapelle auf dem Plateau d’Assy – als Beginn der letzten großen Schaffensperiode im Leben Marc Chagalls (1887 – 1984). Es folgten Fenster u.a. in den Kathedralen zu Metz und Reims, im Bibelmuseum Nizza, in den USA im UN-Gebäude New York, im Kunstmuseum Chikago und in englischen Kathedralen. Drei seiner bedeutendsten Werke sind die 12 Fenster der Synagoge der Hadassah-Universität Jerusalem (1960/61), das Ensemble der fünf Chorfenster im Fraumünster zu Zürich (1969/70) und die Fenster in der gotischen Pfarrkirche St. Stephan in Mainz (1977/84).

14. Oktober 2010
Dr. Frank Laukötter, Bremen:
„Delphine – Videoinstallation von Diana Thater“

In ihrer Videoinstallation „Delphine“ von 1999/2000 fing die 1962 in San Francisco geborene Künstlerin Diana Thater, die in Los Angeles lebt und arbeitet, das Leben von freien Delphinen ein. Hierzu tat sie sich mit Ric O’Barry zusammen, den Dompteur von Flipper, der sich inzwischen für die Auswilderung von gefangenen und für Shows gefügig gemachten Delphinen einsetzt. Vorgestellt werden Ansichten des Werks, seine Hauptbedeutung und seine Nebenbedeutungen, die variieren, je nachdem, wo es ausgestellt ist – ob in einem Museum wie der Kunsthalle Bremen (2004), die es erworben hat, oder in einer Kirche wie der Kulturkirche St. Stephani in Bremen (2009/2010).

11. November 2010
Dr. Torsten Otte, Bad Oeynhausen:
„Salonmalerei des 19. Jahrhunderts“

Lähmend konservativ waren die Akademien in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Frankreich. Die regelmäßigen Ausstellungen der führenden Pariser Akademie fanden zunächst im Salon carré des Louvre statt und hießen deshalb „Salons“. Man feierte die klassizistische und akademische Malweise, schwärmte für üppigen Prunk, liebliche Sujets und verlangte „Erbauung“. Die Salonmalerei spiegelt mit großer Deutlichkeit den Geist jener Zeit sowie die Mentalität des zur Herrschaft gelangten Bürgertums wider und bot jungen Künstlern, wie Gustave Courbet oder Édouard Manet, genügend Reibungsfläche, um eine völlig neue Kunst zu etablieren. Durch den aufkommenden Impressionismus geriet die Salonmalerei, die heute wegen des Geschmackswandels zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kitsch empfunden wird, in Vergessenheit. Führende Maler, wie Alexandre Cabanel, William Adolphe Bouguereau oder Ernest Meissonier, sind kaum noch bekannt. Doch wird das „destruktive Moment“, das die Zeitgenossen in den Bildern des Impressionismus sahen, erst durch die Beschäftigung mit der Salonmalerei nachvollziehbar. Vor diesem Hintergrund ist die kunsthistorische Forschung in jüngster Zeit um eine Aufarbeitung und Neubewertung dieser Epoche bemüht.

09. Dezember 2010
Dr. Michael Rüdiger, Kunstforum Matthäus Hamburg:
„Krippen der Barockzeit“

Unser weihnachtlicher Brauch Krippen aufzustellen, entspringt der Idee, Heilsgeschichte spielerisch zur Anschauung zu bringen: Wie auf einer Theaterbühne stellen die Ensembles aus kleinen Figuren das biblische Geschehen en miniature szenisch nach. Erfunden wurde dieses Instrument der Katechese in der Zeit der Gegenreformation. Vor allem der Jesuitenorden sorgte für die Verbreitung des Krippenwesens. So wurden Krippen (zunächst) in allen katholischen Landschaften populär. Im Rahmen der Barockkultur Bayerns und Österreichs entstanden die wohl schönsten Krippen mit prächtigen Figuren und aufwändigen Szenerien, welche die Betrachtung zu einem visuellen Erlebnis machten. Seinen absoluten Höhepunkt aber erlebte der Krippenbau in Neapel, wo die Krippen des Königs und des Adels zu kleinen Kunstwerken wurden.

13. Januar 2011
Dr. Michael Kröger, MARTa Herford:
„Anwesend abwesend“ – Vom Leben zwischen Tod und Kunst – oder: Was die RAF, Damien Hirst und Joseph Beuys miteinander verbindet

Die Grenze zwischen dem, was lebt und dem, was schon stirbt, ist selbst nur lebendiger Beobachtung zugänglich. In der heutigen Zeit geschieht es mehr und mehr, dass die Kunst nicht mehr direkt ins Leben ausstrahlt (wie noch in den sechziger und siebziger Jahren propagiert wurde), sondern es verhält sich umgekehrt, dass Künstler die unbestimmten, schattigen Seiten des Lebens als Anlass nehmen, um die Ausgrenzungen, das Nichtfunktionale, die Schatten unseres Daseins vorstellbarer als bisher zu machen. Der Tod kehrt plötzlich als Rätsel, als Gegenbild ins Leben, aus dem wir selbst einmal verschwunden sein werden. Und wir Lebenden betrachten, wie uns unsere Gegenwart auf einmal wie in einem Rückspiegel erscheint, in dem wir uns auf einmal als Abwesende erkennen können. Am Beispiel von Totenmasken dreier RAF-Terroristen, einer Arbeit von Damien Hirst und Arbeiten von Joseph Beuys versucht der Vortrag der Lebendigkeit zwischen Kunst und Tod auf die Spur zu kommen. Ein Leben ohne die Provokation des Todes zu erfahren, wäre kein Leben. "Der Tod hält mich wach" formulierte einmal Joseph Beuys - schlafen können wir noch später...

10. Februar 2011
Friederike Otto, Hannover-Hemmingen:
„Niki und Jean – ein starkes Team“

1996 schreibt Niki de Saint Phalle an ihren 1991 verstorbenen Mann, dem Schweizer Metallkünstler Jean Tinguely, der internationalen Ruhm für seine kinetischen Maschinen-Skulpturen erntete: „Wir forderten uns ständig gegenseitig heraus. ( … ) Es war eine sehr fruchtbare geistige Verbindung. Das Größte aber, das Du mir schenktest, war Dein Vertrauen in meine Arbeit.“ Das Künstlerehepaar Niki de Saint Phalle (1930 – 2002) und Jean Tinguely (1925 – 1991) war über dreißig Jahre ein starkes Team. Durch ihre Arbeit verbunden und durch ihre Liebe. Hannover, für dessen Sprengel-Museum die Referentin zeitweise tätig ist, erhielt im Jahr 2000 von der französisch-amerikanischen Künstlerin eine großherzige Schenkung von rund 400 Werken. Die Weltbürgerin Niki de Saint Phalle zeigte sich damit der Stadt dankbar verbunden, die 1969 eine der ersten großen Einzelausstellungen für sie ausrichtete und die 1974 drei ihrer leuchtend bunten, voluminösen „Nanas“ ankaufte und direkt am Leineufer platzierte.

10. März 2011
Dr. Jörg Garbrecht, Kurator Berlin – Nolde-Stiftung Seebüll:
„Mit verschnürten Händen – ‚Ungemalte Bilder’ von Emil Nolde“

1.300 kleinformatige Aquarelle hat Emil Nolde während der Ächtung seiner Kunst und der Zeit des Malverbots unter der Nazi-Diktatur heimlich in Seebüll gemalt. Wegen ihres bildnerischen Reichtums und ihrer farblichen Intensität sind diese „Ungemalten Bilder“ der Höhepunkt in Noldes Spätwerk und begründen seinen Weltruhm als einer der herausragenden Aquarellisten in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Oft nur handflächengroß, besitzen diese kleinformatigen Aquarelle aufgrund ihrer außerordentlichen Leuchtkraft und malerischen Virtuosität eine monumentale Wirkung, die in der Kunstgeschichte einmalig ist. Der Herforder Kunstverein im Daniel-Pöppelmann-Haus e.V. durfte sich glücklich schätzen, im Jubiläumsjahr 2005 die „Ungemalten Bilder“ als Leihgabe der Nolde-Stiftung zeigen zu dürfen. Nun gibt es also ein „Wiedersehen“.

14. April 2011
Dr. Hans-Thomas Carstensen, Hamburg:
„Der Maler ist das Auge der Welt – Leben und Werk von Otto Dix“

„Künstler sollen nicht bessern und belehren. Nur bezeugen müssen sie!“ Diesem künstlerischen Leitsatz war der Maler Otto Dix (1891 – 1969) sein Leben lang verpflichtet. Und so vermittelt sein Leben und Werk ein schillerndes Panorama des 20. Jahrhunderts: die starre Enge der wilhelminischen Ära, das Inferno des Ersten Weltkriegs, die wilden 20-er Jahre, das drohende Heraufziehen des Nationalsozialismus. Dix’ Kunst erzählt von Glanz und Elend, Aufstieg und Niedergang, Lebensgier und Todessehnsucht einer ganzen Epoche.

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